Die 87-jährige Geschichte des Schwimmkrans "Langer Heinrich"

 

In Wilhelmshaven hat es zwei konstruktiv verschiedene Krane mit der Bezeichnung "Langer Heinrich" gegeben. Beim ersten handelte es sich um einen 1886 konstruierten Typ des Scherenkrans. Dieser hatte den Nachteil, daß bei geneigtem Ausleger der Kran nicht dicht genug an größere Schiffe herangebracht werden konnte und der Kranführer vom Ponton aus nur einen geringen Überblick hatte.

Eine Weiterentwicklung stellte der Wippauslegerkran dar, bei dem die geraden Streben durch einen hakenförmig geknickten Ausleger, der durch eine Spindel auch unter Last an seiner Unterkante gewippt werden kann, ersetzt worden sind. Ein solcher Schwimmkran kann sich besser über ein Schiff neigen. Ein Kran solchen Types befand sich beispielsweise auf der Kaiserlichen Werft in Danzig.

Der nächste Schritt war der Schwimmdrehkran. In der ersten Form ruhte der Wippausleger auf einer Drehscheibe mit Rollen auf einem Schienenkranz. Ein solcher Drehscheibenwippschwimmkran von 100 t Tragkraft befand sich auf dem La Plata in Argentinien, der dank Eigenantrieb beachtliche 8 kn fahren konnte.

Bei der zweiten Form des Schwimmdrehkrans ist die (gedachte) Auslegerdrehachse an der oberen Vorderseite eines Eisenfachwerkgerüstes angebracht, das wie eine Glocke drehbar über einen festen pyramidenförmigen Bock gestülpt und am Fuß von einem Drehkranz geführt wird; daher bezeichnet man diesen Typ auch als Glockenwippschwimmkran. Der Ausleger wird durch eine Gelenkstange mit einem Gegengewicht verbunden, das sich an der Rückseite des Gerüstes in einem senkrechten Schienenrahmen befindet und ebenfalls durch eine Schraubenspindel reguliert werden kann. Flutbare Ballastkammern im Ponton sorgen für Stabilität auch bei großer einseitiger Belastung. Der dreh- und aufrichtbare Wippkran kann bequem die gehobene Last auf dem Schwimmponton ablegen, und dieser bringt sie dann an die gewünschte Stelle des Hafens.

Unser "Langer Heinrich" , der zweite seines "Spitznamens", offiziell auf der Kriegsmarinewerft unter der Bezeichnung "Großer Schwimmkran I" geführt, ist von dieser Bauart und wurde 1913-1915 von der deutschen Maschinenfabrik AG Duisburg (DEMAG, heute Mannesmann) der Schwimmkörper von der AG Weser in Bremen, gefertigt. Zehn Jahre lang war er der größte Schwimmkran der Welt, bis er von anderen Kranen, die ebenfalls von der DEMAG gebaut wurden, verdrängt wurde. So wurde 1935 ein Kran mit 300 t nach Brest geliefert, 1939 vier Krane mit 350 t und in den 50ern sogar ein Kran mit 400 t gebaut. Auch nach Kalifornien und an den Panama-Kanal wurden solche Krane geliefert.

Der "Lange Heinrich" hatte eine Verdrängung von rund 4000 t , der Ponton maß 50,4*30,8*3,0 m. Die beiden Schrauben wurden durch zwei stehende Dreifach-Dampfmaschinen von zusammen 1000 PS angetrieben, die den Kran mit 4-6 kn bewegten. Später wurden vier 6-Zylinder-Dieselmotoren eingebaut. Für den Kranbetrieb erzeugten zwei Turbo-Dynamos den Strom für die Hub- und Drehmotoren. Es gab fünf elektrische Hebewerke von 10 t, 20 t, 50 t und zwei mal 125 t, die über eine Traverse zu 250 t Tragkraft gekoppelt werden konnten.

Er diente von 1915 bis 1944 auf der Wilhelmshavener Werft und bot ihren Angehörigen wie denen der Kaiserlichen Marine, der Reichs- und Kriegsmarine einen vertrautem Anblick. Die nach dem Versailler Vertrag geforderte Auslieferung unterblieb wegen angeblich mangelnder Seefähigkeit. Stattdessen lieferte die DEMAG dem "Sieger", nämlich der Royal Navy in Portsmouth, 1919 einen Bruder des "Langen Heinrich" von ebenfalls 250 t Tragkraft.

1929 setzte der "Lange Heinrich" in Bremen die Turbinen in den neuen Schnelldampfer "Bremen" des norddeutschen Lloyd. Ab 1938 stand er für mehr als zwei Jahrzehnte unter derFührung von Kapitän Eduard Steinmeyer. Am 10. Mai 1944 mußte er mit Hilfe zweier Schlepper ("Mövensteert" und "Memmert") in sechsstündiger Fahrt nach Bremerhaven und weiter nach Bremen geschleppt werden, um Schiffswracks nach schweren Bombenangriffen zu bergen. Bei der Überführung wurde der Kranz ganz gerade aufgetoppt und in dieser Stellung verschweißt, um unerwünschte Bewegungen zu verhindern.

Am 1. Juni 1945 wurde der "Lange Heinrich" von der US Navy als Beutegut übernommen und half weiter bei Aufräumungsarbeiten im Bremer Hafen. So setzte er zum Beispiel ein 200 t schweres Brückenteil einer zerstörten Weserbrücke unter den Augen von über 4000 Besuchern ein.

1950 kam der Kran wieder nach Bremerhaven, wo er 1958 von der Bundesrepublik Deutschland gechartert wurde. Er wurde daraufhin für 4 Millionen Mark modernisiert. 1981 wurde er dann von den Amerikanern zur Versteigerung freigegeben. Ein auf reiche Abnehmer im Orient spekulierender Brite kaufte den Kran, konnte ihn aber nicht veräußern, sodaß er ihn für 330.000 DM an die Bremerhavener Motorenwerke verkaufte. 120.000 DM mußten für erneute Instandsetzungsarbeiten ausgegeben werden, von denen 100.000 DM von der Stadt Bremerhaven getragen wurden.

1985 wurde der Kran nach Sardinien verkauft. Auf einem 10.000 t Ponton wurde er schließlich durch den Ärmelkanal, Gibraltar und durch das Mittelmeer in den Hafen nach St. Antiocco geschleppt. Im Hafen von St. Antiocco diente er bei der Entladung von Kohlefrachtern. Zudem erhielt er einen neuen Namen: "Maestrale". Später (das genaue Datum ist mir nicht bekannt) wurde er nach Genau verkauft, wo er noch heute dient (Stand Juni 2002; das dazu passende Bild wird in den nächsten Tagen zur Bildergalerie zugefügt) ! Der "Lange Heinrich" ist also seit erstaunlichen 87 Jahren im Dienst ! Die weitere Zukunft des Kranes ist ungewiß. Angeblich besitzt er noch eine Prüfzulassung bis etwa 2015. Es ist zu hoffen, daß dieses Denkmal der deutschen Ingenieurskunst nicht heimlich abgewrackt wird.